Heilsame Erzählungen

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B. Engel

B. Engel

Dr.  jur. Bernhart Darius Engel ist ein rational denkender Mensch - gewesen... Bevor er als "Engel ohne Flügel" seine Praxis eröffnete. Das Wie und Warum steht schon in meinem ersten Buch. Aber es gibt eine Geschichte VOR der Geschichte. Und die geht so:

Seinerzeit VOR seiner Zeit, also bevor "Darius Engel - Seelengymnastik und -massage für den Hausgebrauch" auf seinem Türschild stand, stand da - gar nichts.
Nur neben der der unscheinbaren Klingel sein Name - "B. Engel", und so war er auch: ein Bengel.
Nie wäre es ihm eingefallen einer älteren Dame über die Straße zu helfen oder auch nur mit dem Auto anzuhalten, um jemanden aus dem Gegenverkehr das Abbiegen zu ermöglichen, der sonst wegen des hohen Verkehrsaufkommens keine Chance dazu gehabt hätte.
B.Engel hielt sich etwas auf seine Fitness zu Gute und tat auch einiges dafür. Sein Rennrad hat er nicht etwa beim Händler gekauft, sondern die einzelnen Komponenten nach seinen ganz persönlichen Bedürfnissen zusammengestellt. Internet macht's möglich...
Damals war er noch Rechtsanwalt, der B.Engel, und in der Kanzlei unter den Partnern dort berüchtigt ob seines Eintretens für eine gewisse Kleiderordnung.
Mensch könnte noch einiges berichten über den damaligen B.Engel, aber wieso eigentlich. Er war ungefähr ein Mensch wie Du und ich. Vielleicht ein bisschen rücksichtsloser, hoffe ich jedenfalls: für Dich und mich. Als Kind unserer Leistungsgesellschaft nannte er das natürlich "Durchsetzungskraft". Aber dann begannen seltsame Dinge zu geschehen.

Im Rückblick lässt sich schwer sagen, wann genau das anfing. Vielleicht am ehesten in dem Augenblick, als er von Kollegen auf sein Fahrrad angesprochen antwortete: "Ich habe den EinDRUCK, es geFÄLLT Ihnen." Er ging dabei nur einen Schritt auf das Rad zu - rückwärts, weil er den Kollegen beim Sprechen angesehen hatte - und stürzte über den kleinen Absatz im Fußboden, der in der Kanzlei schon immer dort sein sinnloses Dasein fristete (Altbau!)...
Mittellaut fluchend sass unser gefallener B.Engel auf dem Boden und rieb sich den verstauchten Knöchel. Die Kollegen gingen diskret weiter: B.Engel war keiner der sich gerne helfen ließ, und dem mensch demzufolge auch nicht gerne half.     
Der geringste Druck auf den Knöchel tat B.Engel höllisch weh, und er beschloß das Fahrrad stehen zu lassen - im Flur der Kanzleiräume - und das Auto zu nehmen, denn zum Glück war es der linke Knöchel, und für die Fahrt benötigte er nur den rechten Fuß: sein neuer Ferrari California (560 PS, 3,6 Sek. 0 - 100km/h) hatte natürlich Doppelkupplungsgetriebe mit Paddelschaltung am Lenkrad...
Es hatte ihn sehr mit Stolz erfüllt, als dass er einen der lediglich 10.000 hergestellten "Californias" ergattern konnte. Über Geld sprach er nicht. Der Ferrari war seine LEIDEN SCHAFFT, das wussten alle.
Er wollte nur damit zum Arzt fahren, um den Knöchel untersuchen zu lassen, als er - sich auf die Beschleunigung des Boliden VERLASSENd - "noch bei gelb", wie er später im Krankenhaus der Polizei zu Protokoll gab, über die Kreuzung wollte.
Es dürfte aber doch schon eine ganze Weile "orange" gewesen sein, denn sein Unfallgegner, war schon halb in die Kreuzung eingefahren. Wenn auch mit "fliegendem Start", wenn mensch das sagen will bei einem so mächtigen Sattelschlepper, der den Ferrari zermalmte.
Ein Wunder, dass B.Engel das überlebte. Im Krankenhaus und der Anschluss-Reha hatte er viel Zeit. Er konnte sie gar nicht komplett ausfüllen mit Denken und das UNTER-HALTUNGsprogramm in Funk und Fernsehen schaltete er immer öfter aus.
NACH-RICHTEN - auch. Wertvolle Informationen bekam er dennoch: Als die Schwester ihm "das Essen HIN-RICHTEN" wollte, wie sie sagte, fiel ihr der Teller aus der Hand. Es war übrigens diesselbe Schwester, die ihm das einzige Buch brachte, dessen er hier habhaft werden konnte (denn die Kollegen kamen ihn lieber nicht besuchen und für Partnerschften hatte er noch nie Zeit gehabt). Er las ja sonst nur Gesetzestexte und den Sportteil einiger Tageszeitungen. Aber dieses Buch handelte von Engelhierarchien.

Er durfte sich zu diesem Zeitpunkt bereits zugestehen, dass er sie sympathisch fand - Schwester Ursula. Irgendwie schien es im Zimmer heller zu werden, wenn sie eintrat, und obwohl sie versuchte, ihn für Engel-Seminare zu begeistern, sprach er gerne mit ihr.
Er WUNDERte sich ein wenig, dass im so etwas anfing Spaß zu machen. Aber der Ferrari war ja jetzt Schrott, und wer weiß, ob er jemals wieder fahren können würde... Mit den ganzen Rückenverletzungen sicher keinen Sportwagen mehr.
Apropos Rückenverletzungen: die Chirurgen des Diakoniekrankenhauses hatten ihn ja schon recht gut wieder zusammengeflickt, aber gewisse Taubheitsgefühle der äußeren Gliedmaßen ließen ihn manchmal doch noch erschrecken.
Dann kam es ihm so vor, als würde die Anwesenheit von Schwester Ursula helfen. Mehr noch, wenn sie ihre Hand auf seinen Arm legte... (und - hier kann ich es ja verraten: - es war tatsächlich so).
TROTZDEM vermied er das Engel-Seminar. So was gehörte sich nicht für einen ganzen Kerl, wie ihn. Andererseits: na ja, er hatte jetzt Grenzen und Möglichkeiten der Medizin jetzt kennen gelernt - und die wohltuende Wirkung einfachen Handauflegens.
Da wuchs in ihm der Entschluss nach seiner Entlassung "Alternative Heilmethoden" aufzusuchen: das Seminar, das auf dem Zettel, den Schwester Ursula ihm gegeben hatte unter dem Engelseminar aufgeführt war.

Das Weitere ist bekannt aus Engel ohne Flügel 1 und 2. Nur so viel noch: auf der Rückfahrt vom Seminar nach Hause war er völlig überrascht als er die Botschaft erhielt, sich nach dem Namen seines SCHUTZengels zu erkundigen.
Völlig überrascht glaubte er sich zu irren, tat es aber ungläubig vor sich hinlächelnd - der Taxifahrer schwor später Stein und Bein, dass der "stark verwirrte Gesichtsausdruck und der Lachanfall" seines Fahrgastes für die momentane Unaufmerksamkeit gesorgt habe, die zu der kurz darauf folgenden Vollbremsung führte....
Ungläubig vor sich hinlächlend also tat er es doch: "Wie heisst du denn?" fragte er den SCHUTZengel innerlich und: "Fritz!" kam es, kaum dass die Frage gedacht war, zurück. Dr. Bernhart Darius Engel (wie wir ihn hier zum letzten Mal so nennen mögen) lachte laut und prustend, und der Taxifahrer vollführte die o.g. Vollbremsung aprupt und bis in den Stand - gerade noch rechtzeitig um nicht auf den davor stehenden Lieferwagen aufzufahren.
Als Engel, der schwer in die Gurte geworfen war, sich wieder aufrichtete, blickte er automatisch auf das Kennzeichen des Lieferwagens: "FRI TZ 78" sah er da deutlich (1978 war übrigens sein Geburtsjahr) und die Aufschrift des Lieferwagens: "Schutz und Sicherungssysteme für Haus und Garten". - Da lachte er erst recht. Der Taxifahrer erzählt die Begebenheit noch heute - aus seiner Sicht.
Engel aber, Darius Engel, wie er sich seither, den BernHART weglassend nennt, verkaufte seinen Kanzleianteil und wurde - ich erwähnte bereits, wo ich es erwähnte - ein erfolgreicher Heiler und Coach.

 

by Harald Finger aus "Traumwirklichkeiten" - [e-ratgeberverlag.com] ISBN 978-3-943231-55-7